Dorrit liest: Chimamanda Ngozi Adichie - Die Hälfte der Sonne

15. Juni 2026

Ich habe mir kürzlich wieder einen weißen Flecken in meinem Wissen über den afrikanischen Kontinent vorgenommen: Biafra. Zugegebenermaßen hatte ich zwar mal von Biafra gehört und hätte bei Nachfragen noch vage einen Zusammenhang mit Nigeria hergestellt, aber damit hätte es sich gehabt.


Dank Chimamanda Ngozi Adichie ist das nun anders. Mit ihren Figuren Ugwu, Olanna und Richard war ich in Nigeria, als Ugwo sein Leben als Houseboy von Olanna und ihrem Freund und späteren Mann Odenigbo beginnt. Ich war dabei, als der englische Journalist Richard sich in Olannas Schwester Kainene verliebt und dabei, wie sie und ihre Freunde in den frühen 1960er Jahren zuversichtlich an ein kommendes, unabhängiges Biafra glauben. Und ich war dabei, wie sie versuchen, ihre Zuversicht zu behalten, als die nigerianischen Truppen in das sich für unabhängig erklärte Biafra einmarschieren. Wie sich im Bürgerkrieg ihr Leben mit seinen Selbstverständlichkeiten auflöst; sie verlieren ihre Freunde, Arbeit und Häuser. Und leben ihr Leben trotzdem weiter.


So ist Krieg, dachte ich während der Lektüre: Da verlässt man sein Haus in der Hoffnung, bald zurückzukehren und dann ist der Garten bei der Rückkehr wild überwuchert, das Haus geplündert und voller Spinnweben. Da werden Nahrungsmittel knapp (was in diesem speziellen Krieg auf eine von Nigeria verhängte Blockade zurückzuführen war, eine Strategie, die von manchen als Völkermord bezeichnet wurde), da werden Männer von der Straße weg rekrutiert. Jeder hat eine andere Art mit der Situation umzugehen. Jeder hat die hoffnungsvollen Tage wie auch die verzweifelten. Und niemand übersteht einen Krieg unbeschadet.


Im Nachwort erzählt die Autorin, dass ihr Vater viele seiner Geschichten mit den Worten „Krieg ist sehr hässlich“ beendet. Trotzdem ist das Buch von Adichie nicht deprimierend, sondern eines, das auch über Resilienz erzählt, über Bindungen, die halten, trotz grauenvoller Umstände. Es sensibilisiert dafür, Krieg nicht als etwas abstraktes zu sehen, sondern die betroffenen Menschen. Ich bin froh darüber, jetzt auch diesen Roman der Autorin entdeckt zu haben und empfehle ihn unbedingt weiter.


„Die Hälfte der Sonne“ erschien 2006 (in Deutschland 2007, Übersetzung von Judith Schwaab). Es ist ein frühes Werk von Chimamanda Ngozi Adichie, die vor allem für ihrem Roman „Americanah“ bekannt wurde. Beide Bücher wurden von der BBC 2015 auf die Liste der 20 bedeutendsten Romane von 2000 bis 2014 gewählt.


Zum Hintergrund: Nigeria war eine britische Kolonie und wurde 1960 unabhängig. In dem Vielvölkerstaat lebten damals bereits ca. 55 Mio. Einwohner (heute sind es 230 Mio., womit Nigeria der bevölkerungsreichste Staat Afrikas ist) aus mehr als 250 Ethnien. Zwei Hauptreligionen und mehrere Völker rangen um die Vormachtstellung, so auch die hauptsächlich im Südosten Nigerias lebenden christlichen Igbo. Sie erklärten sich 1967 für unabhängig von Nigeria und riefen die unabhängige Republik Biafra aus. Gut einen Monat später marschierten die nigerianischen Truppen in Biafra ein und es begann ein ca. 18monatiger Bürgerkrieg, in dem zwischen 1 und 3 Millionen Menschen starben, viele davon Kinder. Nach dem Krieg wurde Biafra wieder in Nigeria eingegliedert.


Weitere Infos gibt es z.B. beim Deutschlandfunk zu den Ursachen oder der Bundeszentrale für politische Bildung über den Biafra-Krieg und seine Wirkung im Ausland.

https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-biafra-erklaert-seine-unabhaengigkeit-von-100.html

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/nigeria-2021/337816/der-biafra-krieg-als-globales-medien-und-protestereignis/