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Galerie Staatenlenker Äthiopien im Unity Park in Addis Abeba
von Dorrit Bartel 21. Januar 2026
Da hängen nun ihre Bilder einträchtig nebeneinander in den Museen von Addis Abeba: Haile Selassie neben Mengistu Haile Mariam und dieser wiederum neben Meles Zenawi, gefolgt vom eher glücklosen Hailemariam Desalegn, der 2018 von Abiy Ahmed abgelöst wurde. Diese Bilder erwecken den Eindruck einer Kontinuität, die es so nicht gegeben hat. Zur aktuellen Modernisierung Äthiopiens – mit der Abiy Ahmed sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern will – gehören auch neue Museen: Das Adwa Victory Memorial, das Palast Museum und der Unity Park, der auf 40 Hektar eine Art Mini-Äthiopien zeigt, mit Pavillons verschiedener Regionen, einem Zoo, typische äthiopischen Pflanzenarten sowie mehreren Palastgebäuden des früheren Kaisers Melinek II. Ich habe alle diese Orte besucht. Angefangen habe ich mit dem Adwa Victory Memorial. Ein Museum für die Schlacht von Adwa 1896 im Äthiopisch-Italienischen Krieg, in dem Italien versuchte, Äthiopien zu seiner Kolonie zu machen. Doch die Äthiopier wehrten sich erfolgreich. Die Niederlage, die sie den Italienern zufügten, wird oft (und von den Äthiopiern sehr gern) mit dem Zusatz „vernichtend“ versehen. Ich bin nicht dafür, Schlachten oder Kriege zu verherrlichen, aber mit dieser Schlacht sicherte sich Äthiopien die Unabhängigkeit. Das bestimmt bis heute das nationale Bewusstsein: Äthiopien ist das einzige afrikanische Land, das nie kolonialisiert worden ist. Gleichzeitig war dieser Sieg auch ein Zeichen für andere afrikanische Länder: Es war möglich, sich den europäischen Kolonialmächten zu widersetzen. Insofern reicht die Bedeutung dieses Sieges über Äthiopien hinaus. Dafür steht dieses Museum, in dem mir vor allem einheimische Besucher begegnen. Ebenfalls neu ist das Palast Museum: Der Palast, in dem der letzte Kaiser von Äthiopien, Haile Selassie, lebte, inklusive Garten mit Kapelle und diversen anderen Nebengelassen. Neu ist ein Glasbau, in dem der Rundgang über das Gelände beginnt und in dem ein Teil des Fuhrparks von Haile Selassie ausgestellt ist. Natürlich ist er Nobelmarken gefahren und viele der Fahrzeuge waren Geschenke namhafter Autohersteller. Als Kaiser brauchte man natürlich Fahrzeuge für unterschiedliche Zwecke, so hatte er u.a. ein Auto, mit dem er hauptsächlich zur Kirche gefahren ist. Ein anderes, das nur dafür da war, ausländische Staatsoberhäupter vom Flughafen in Addis abzuholen. Nicht ausgestellt ist der blaue VW Käfer, mit dem er im September 1974 aus eben diesem Palast entfernt wurde. Das Militär hatte die Macht übernommen und regierte anschließend etwa eineinhalb Jahrzehnte. Der Kaiser lebte danach noch knapp ein Jahr im Hausarrest im Seitenflügel eines anderen Palastes, ehe er vom neuen Regime ermordet wurde. Mengistu Haile Mariam hieß der neue Herrscher, der für den gewaltsamen Tod des Kaisers verantwortlich war. Eines Kaisers, der Äthiopien seinerzeit in die Moderne führte. Eines Kaisers, der auf der Weltbühne präsent war und die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit initiierte, die Vorgängerorganisation der heutigen Afrikanischen Union. Andrerseits war dieser Kaiser auch dafür verantwortlich, dass in der Hungersnot von 1973 zehntausende Äthiopier starben. Im Adwa Victory Memorial gibt es auch ein Kino und dort sah ich einen Dokumentarfilm über die Grausamkeit, mit der die Militärjunta die Familie Haile Selassies behandelte: Der Kaiser wurde ermordet, ebenso weitere Familienmitglieder, mehrere Frauen der Familie saßen 14 Jahre ohne Prozess im Gefängnis, ehe es internationalen Freunden gelang, ihre Freilassung zu erwirken. Über die Zeit der Militärjunta (1974 bis 1991) gibt es ein kleines, berührendes Museum im Zentrum von Addis, auch das habe ich besucht. Mehrere Wände des Museums sind bedeckt von Fotos der – zumeist sehr jungen – Opfer des Derg, an einer Stelle des Museums gibt es die Nachbildung eines Massengrabs, daneben Wände voller Gefäße mit Knochen und Schädeln, die nicht identifiziert werden konnten. Es wird geschätzt, dass dem Derg etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Besonders berührt hat mich die Aufforderung, dem Museum Informationen über weitere Opfer zukommen zu lassen. So wurde für mich fühlbar, dass jene Zeit nicht einfach nur Vergangenheit ist, sondern bis heute in das Leben von Familien hineinwirkt. Ein Mitarbeiter des Museums erzählte mir, die Arbeit des Museums stehe ganz unter dem Motto: Never again. Nie wieder. Eine Formulierung, die wir in Deutschland auch kennen. Inwieweit wir ihr gerecht werden, wird sich zeigen. 1991 wurde Mengistu gestürzt, er floh nach Simbabwe, wo er bis heute lebt. Er wurde in Abwesenheit in Äthiopien zunächst zu lebenslanger Haft und später zum Tode verurteilt. Gestürzt wurde er von der Volksbefreiungsfront von Tigray, deren Chef Meles Zenawi als Präsident bzw. als Premierminister die Geschicke Äthiopiens von 1991 bis zu seinem Tod 2012 lenkte. Vor diesen blutigen Hintergründen muten die einträchtig wirkenden Galerien seltsam an. Immer wieder wundere ich mich, wenn ich die Portraits von Haile Selassie, Mengistu Haile Mariam und Meles Zenawi in einer Reihe sehe. Es ist ein bisschen so, als würden wir in Deutschland Wilhelm II, Adolf Hitler, Wilhelm Pieck und Konrad Adenauer nebeneinander hängen haben. Was uns nicht in den Sinn käme. Aber wer weiß schon, welches der bessere Umgang mit der eigenen Geschichte ist.
Airport Road in Addis Abeba 2025
von Dorrit Bartel 22. Dezember 2025
Als ich im Februar 2018 zum ersten Mal in Addis Abeba war, überraschten mich viele Dinge. Sehr eindrücklich sind mir noch die Nachttemperaturen in Erinnerung, die bei 8 bis 10 Grad liegen können und wenn dann auch noch etwas Wind dazukommt, kann das richtig unangenehm sein. Eine andere Überraschung boten mir die jungen Männer an der Rezeption meines Guesthouses. Als ich nämlich meinte, ich hätte Lust auf ein Bier, sprang einer von ihnen auf brachte mir eine leere Bierflasche. Die Erklärung wurde nachgeliefert: In Äthiopien kann man nur volle Bierflaschen kaufen, wenn man eine leere mitbringt. Manchmal klappt es auch gegen das glaubhafte Versprechen, die Pfandflasche ganz sicher wieder in den Laden zurückzubringen; aber verlassen sollte man sich darauf nicht. Ich ahnte damals noch nicht, dass ich mich in der Folge einige Jahre mit dem Land und seiner jüngeren Geschichte beschäftigen würde, um in „Der Äthiopier“ die wechselvolle Lebensgeschichte von Adane zu schreiben. Das war sicher die nachhaltigste Überraschung jener Reise. 2020 schrieb ich das Buch fertig und buchte einen Flug nach Addis. Ich wollte mir mit Adane Zeit nehmen, das Buch noch einmal durchzuarbeiten, um zu schauen, wo ich etwas verändern müsste. Doch dann kam der Bürgerkrieg und ich konnte nicht reisen. Adane und ich erledigten die Arbeit per Telefon, so dass das Buch trotzdem fertigwurde. Gern hätte ich Adane, der über der Arbeit ein Freund geworden war, noch einmal besucht. Doch der Bürgerkrie g währte zwei Jahre und auch nach dem Waffenstillstand 2022 blieb die Lage in Äthiopien fragil. Adane starb 2023, ohne dass wir uns noch einmal sahen. Ich rechnete nicht damit, noch einmal nach Äthiopien zu reisen. Weil die Lage instabil blieb und ich nur noch einen sehr bedingten persönlichen Kontakt zu dem Land habe: Manchmal schreibe ich mir Nachrichten mit Adanes Sohn, den ich aber nie persönlich getroffen habe. Und über das Netzwerk, das Adane mit mehreren Menschen in Deutschland und Äthiopien geknüpft hatte, bekomme ich hin und wieder Nachrichten aus seiner Familie. Doch nun bin ich wieder in Addis. Deutsche Freunde von mir arbeiten hier und haben in ihrer Wohnung in Addis ein Gästezimmer, das ich für ein paar Wochen beziehen durfte. Es ist ein modernes Haus in einem modernen Viertel, ringsum Botschaften, Hotels und ein Glaspalast der Weltbank. Die Airport Road, die ich von meinem Zimmer im 10. Stock sehen kann, entspricht ganz den Vorstellungen, die Abiy Ahmed für das künftige Äthiopien hat: Eine vierspurige Straße mit einem grasbedeckten Mittelstreifen auf dem auch ein paar Palmen gepflanzt wurden, gesäumt von breiten Bürgersteigen – hier sogar mit einer Fahrradspur. Nicht, dass ich bisher viele Fahrradfahrer gesehen habe, aber das kann sich ja ändern. Solche Straßen entstehen gerade im ganzen Land und sind Teil der Modernisierung Äthiopiens. Auch in Harar, wo wir an meinem ersten Wochenende in Äthiopien waren, habe ich diese Art von Straßen gesehen, zum Teil schon fertiggestellt, oft aber noch im Bau befindlich. Ich habe zu dieser Modernisierung noch gar keine Meinung. Einerseits ist diese Entwicklung beeindruckend. Andrerseits vermisse ich in diesen Tagen das, was für mich meine Afrika-Aufenthalte (Afrika hier bewusst geschrieben, da ich das in mehreren afrikanischen Ländern so erlebt habe) immer so besonders machte: Kleine, eher improvisierte Märkte, auf denen sich viele Menschen tummeln, einander grüßen und eine Art von Gemeinschaft bilden. Händlerinnen oder Schneiderinnen am Straßenrand, bei denen immer ein paar Verwandte und Freunde sitzen, so dass es dort nicht nur um Arbeit und Geldverdienen geht, sondern auch um das soziale Miteinander. An der Airport Road unter mir gibt es das – selbstverständlich – nicht. An einem der vergangenen Tage bin ich von meinem Quartier aus in die andere Richtung gegangen, und habe dort einen solchen Markt gefunden, der sich ein paar Straßen entlangzieht, habe an einem der kleinen Stände Kaffee getrunken, der hier immer noch frisch gekocht wird – es braucht also immer etwas Zeit für einen solchen Kaffee – und war für einen Moment getröstet von allem Kummer des Lebens. In den nächsten Wochen werde ich mich zwischen diesen beiden Polen bewegen: dem tröstlichen, gemeinschaftlichen Miteinander einerseits und den vierspurigen Straßen andererseits. Vor- und Nachteile von beidem betrachten, Grautöne aufspüren. Vielleicht werde ich am Ende immer noch keine Meinung dazu haben. Vielleicht muss ich das auch nicht. Lachen musste ich, als ich von meinen Freunden einen Auftrag bekam. Sie hatten vor ihrer Abreise in die Weihnachtsferien nach Deutschland noch einen Empfang gegeben. Es war ein sehr schöner Abend auf der Dachterrasse des Hauses, der Abend war windstill, so dass die kühlen nächtlichen Temperaturen nicht unangenehm waren. Es waren vor allem internationale Gäste da und ein einheimischer Caterer, der Drinks mixte und Bier oder Wein ausschenkte. Bier wurde allerdings kaum getrunken und so steht nun hier noch eine fast volle Kiste Bier. Ich solle mich daran gütlich tun, so der Auftrag, und wenn ich das Bier ausgetrunken habe, den Caterer anrufen, damit der seine Kiste mit den leeren Flaschen wieder abholen könne. Nicht etwa, damit hier Platz wird, denn davon gibt es genug. Sondern weil Leergut auch im modernen Äthiopien kostbar ist.
von Dorrit Bartel 19. August 2025
Endlich ist Sommer geworden und deshalb lade ich am 30. August mit meiner lieben Kollegin Caroline Kemps de Escalante zu einer Lesung unter einer Zehlendorfer Rotbuch ein. Caroline liest aus ihrem Roman "Aschebraut", ich aus "Der Äthiopier". Die „Aschebraut“ von Caroline setzt dort ein, wo das Aschenbrödel zu Ende ist – die Geschichte war einfach noch nicht auserzählt. Freut Euch auf die packende Fortsetzung. Der Roman „Der Äthiopier“ von Dorrit erzählt – nach einer wahren Geschichte – die aufregende Lebensgeschichte von Adane, der in seinem Leben zwischen Äthiopien und Deutschland einmal mehr aufsteht als er fällt. Für Getränke zu fairen Preisen wird gesorgt sein und falls das Wetter nicht mitspielt, gibt es eine Regenvariante. Wir freuen uns auf einen wundervollen Nachmittag mit Märchen und Abenteuer. Wenn Du dabei sein möchtest, schicke mir eine Nachricht - ich schicke Dir dann genaue Daten, so die Lesung noch nicht ausgebucht ist.
von Dorrit Bartel 31. Juli 2025
Als ich den Titel dieses Buches zum ersten Mal las, dachte ich, er sei ironisch gemeint. Denn das – so meinte ich – hätte sich doch nun wirklich überall herumgesprochen, dass Afrika ein Kontinent ist. Oder? Und dann geschah es just in diesen Wochen: Irgendjemand sprach in meinem Umfeld von dem schönen Land Afrika. Der Titel ist also beides: Ironie und Aufklärung. Diese Mischung aus Ironie und Aufklärung findet sich im gesamten Buch immer wieder und macht die Lektüre zu einem anregenden und informativen Vergnügen. Der Nigerianer Dipo Faloyin nimmt sich verschiedener Aspekte des Afrika-Bildes in Europa bzw. Amerika an und zeigt eine andere Perspektive auf den Kontinent. Wie zum Beispiel auf die Berliner Konferenz 1884/85, bei der europäische Mächte Afrika unter sich aufteilten, willkürliche Grenzen zogen, die kolonialen Interessen entsprachen und nicht ansatzweise die Bedürfnisse derer berücksichtigten, die dort lebten. Soweit oft noch bekannt und bis heute deutlich sichtbar auf der Karte des Kontinents mit vielen schnurgeraden, mit dem Lineal gezogenen Grenzen. Faloyin beschreibt, wie die Folgen dieser Aufteilung bis heute nachwirken. Als die Länder in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erlangten, fanden sie sich in Zusammenschlüssen von Stämmen, die im Grunde nichts miteinander zu tun hatten. Die frisch unabhängig gewordenen Nationen standen vor der Frage, ob sie die künstlich gezogenen Grenzen rückabwickeln sollten oder versuchen, etwas aus den „Zwangsgemeinschaften“ zu machen. Sie versuchten sich in letzterem. Mit allen Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn Völker willkürlich von Fremden zusammengezwungen werden. Dieser letzte Aspekt war mir selbst so nicht klar gewesen, mein Blick war eher ein westlicher: Ja, war schlimm, diese Berliner Konferenz, ist ja nun aber lange her und nicht mehr zu ändern. Für mein Leben, für das Leben in Deutschland hat das völkerrechtliche Verbrechen von vor 140 Jahren keine Konsequenzen mehr, auch wenn es hier geplant wurde. Für die Bevölkerung der betroffenen Staaten aber durchaus. Ein Kapitel widmet Faloyin der Helfer-Industrie. Es gibt ja nach wie vor in Europa bzw. dem Westen die Meinung, wir hätten jetzt wirklich mal genug Geld dorthin geschickt und es sei doch an der Zeit, dass „die dort“ auch endlich ohne unser Zutun auskommen. Dabei ist vielen nicht klar, dass auch der Westen von der Helfer-Industrie profitiert: Angestellte von Hilfsorganisationen haben großes Interesse daran, dass die Hilfe für Afrika und ihre Jobs bestehen bleiben. Prominente lassen sich für ihr Engagement feiern und ignorieren Hinweise von Afrikanern, dass sie mit ihren Aktionen unnötigerweise das – für den Westen auch bequeme – Narrativ vom armen Afrika fördern und reproduzieren. Besonders berührt und getroffen hat mich das Kapitel darüber, wie Afrika in der Kunst, vor allem in Filmen dargestellt wird. Das Kapitel von schmerzhaft beißender Ironie stellt bloß, wie Afrika und die Afrikaner gern als Kulisse benutzt werden, um Geschichten von Weißen zu erzählen. Wie Afrika noch immer von Weißen erzählt wird. Und wie ermüdend es für Afrikaner ist, sich dieser Erzählung entgegenzustellen. Ein weiteres Kapitel widmet sich den gestohlenen Artefakten, die die Museen in Europa füllen. Denjenigen, aus deren Kultur sie stammen, ist der Zugang zu ihrem kulturellen Erbe verwehrt; es ist ja nicht so, dass ich Nigerianer einfach mal ins Flugzeug setzen und in London oder Berlin Benin-Bronzen ansehen können. Und noch immer verweigern europäische Museen mit Ausreden von erstaunlicher Kreativität die Rückgabe. In dem Kapitel „Die Geschichte der Demokratie in sieben Diktaturen“ schreibt Faloyin, dass weniger als 10 % von Afrika autoritär regiert wird. Der Eindruck mag ein anderer sein – was auch an der Berichterstattung über Afrika liegt. Dieses Kapitel erzählt von der Politik in sieben verschiedenen Ländern und davon, wie die Kolonialzeit bis heute nachwirkt, z.B. in Ruanda. Oder wie sehr heutige Politik noch immer verbunden ist mit westlichen Interessen, wie der Kampf um Ölvorkommen, z.B. in Nigeria, zeigt. Heiter kommt hingegen das Kapitel „Die Jollof-Kriege: Eine Lovestory“ daher. Jollof-Reis, heißt in den verschiedenen, vorwiegend westafrikanischen Ländern unterschiedlich und wird jeweils ein bisschen anders zubereitet wird. Selbstverständlich ist jedes Land davon überzeugt, den besten Jollof-Reis zuzubereiten. Da Dipo Faloyin Nigerianer ist, muss man nach der Lektüre dieses Kapitels davon ausgehen, dass in Nigeria der beste Jollof-Reis gekocht wird. (Das werde ich selbstverständlich niemals gegenüber meinen senegalesischen Freunden erwähnen.) Das Schlusskapitel „Was kommt als Nächstes?“ berichtet von hoffnungsvollen Entwicklungen: Zivilen Protesten gegen Polizeigewalt in Nigeria, Demonstrationen gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen in Namibia und von Botswana, einem Land mit großen Diamantvorkommen, in dem die Regierung die Erlöse aus diesen Vorkommen für die Bevölkerung einsetzt. Nicht nur dieses Kapitel macht Hoffnung. Das ganze Buch setzt den Stereotypen etwas entgegen, in denen Afrika oft gesehen und erzählt wird. Afrika ist so anders als die Erzählung darüber. Ein Kontinent positiven und negativen Seiten, wie jeder andere auch. Ein Kontinent mit vierundfünfzig Ländern, mit einer jungen, optimistischen und resilienten Bevölkerung. Ein Kontinent, auf den sich ein anderer Blick lohnt – der von Dipo Faloyin auf jeden Fall. Dipo Faloyin Afrika ist kein Land Aus dem Englischen von Jessica Agoku Erschienen im Suhrkamp Verlag
von Dorrit Bartel 25. Juli 2025
Am 7. August 2025 um 19:30 Uhr lade ich zu einer Online-Lesung aus meinem preisgekrönten Roman "Der Äthiopier" ein. Der Roman erhielt in diesem Jahr den Literaturpreis "Aufstieg durch Bildung" der noon Foundation Mannheim. Unter den Gästen der Lesung verlose ich - privat - drei signierte Exemplare der neuen Ausgabe von "Der Äthiopier", erschienen im RavenPort Verlag am 31. Mai 2025 Der Link wird Dir am Tag der Lesung zugesandt. Ich freue mich auf Dich. Bitte melde Dich hier an:
von Dorrit Bartel 16. April 2025
 Am 22. März war es so weit: In Mannheim fand die Preisverleihung für den Literaturpreis „Aufstieg durch Bildung“ 2025 statt, den ich für den Roman „Der Äthiopier“ bekam. Weil ich danach oft gefragt wurde, erzähle ich hier kurz die Vorgeschichte. Ich hatte eine der letzten Ausschreibungen für den Preis gesehen, zu einer Zeit, als ich noch an dem Roman schrieb, und damals schon gedacht: Wenn ich irgendwann so weit bin mit dem Roman, dass eine Veröffentlichung bevorsteht, sollte ich das Manuskript für diesen Preis einreichen. Das Thema Bildung spielt in dem Roman eine große Rolle – auf Adanes Weg von der Savanne in die Schule und an die Universität bis zu seinem eigenen Engagement, mit dem er Jahrzehnte später selbst Kindern aus der Savanne den Schulbesuch ermöglichte. Bildung war der große Bogen seines bewegten Lebens. Als ich im vergangenen Jahr die Veröffentlichung des Romans vorbereitete, fand ich die aktuelle Ausschreibung des Preises. Noch immer fand ich, dass Adanes Geschichte unbedingt dieser Jury vorgestellt werden musste und sandte also das Manuskript – wie gefordert – anonymisiert und mit ausgewählten Textstellen nach Mannheim. Viel Hoffnung hatte ich nicht – schließlich hatte ich schon fast drei Jahre bei Agenturen und Verlagen geklappert, weil ich sicher war, dass es ein gelungenes Buch ist, aber offenbar recht allein mit meiner Meinung war. Immerhin war ich sicher genug, es selbst herauszugeben. Rasch vergaß ich die Einreichung wieder, irgendwann im September dachte ich mal einen flüchtigen Moment lang, dass ich vermutlich irgendwann lesen würde, wer ein besseres Manuskript eingereicht hatte. Und vergaß es wieder, so dass der Anruf Ende Oktober eine echte und willkommene Überraschung war. Und dann begannen die Vorbereitungen der noon Foundation für die Preisverleihung – gestemmt vom Stifterehepaar Esther und Herbert Noack, deren E-Mails mir in den Wintermonaten in Dakar immer willkommen waren. Aus jeder Zeile sprach ihre Vorfreude auf die Preisverleihung und der Wunsch, es zu einer besonderen Veranstaltung zu machen – vor allem für mich als Preisträgerin, aber auch für alle anderen Beteiligten und die Gäste. Und es gelang: Ich hatte einen wunderbaren Tag in Mannheim. Bereits am Vorabend der Veranstaltung lernte ich Esther und Herbert Noack kennen, zu einem Ortstermin am Veranstaltungsort, der Stadtbibliothek Mannheim. Auf dem gemeinsamen Weg vom Hotel zur Bibliothek erhielt ich eine kleine Stadtführung und nach dem Besichtigungstermin noch einen Drink, bei dem wir uns über die Stadt, den Preis und das Schreiben austauschten. Etwas aufgeregt war ich am Samstagmorgen schon, eine Veranstaltung, die sich hauptsächlich um mein Buch drehen sollte – das ja, wie erwähnt – drei Jahre lang vergeblich ein Verlags-Zuhause gesucht hatte. Es tat gut, zu hören, dass die Jury in ziemlicher Einigkeit meinen Text ausgesucht hatte, wie Dorothea Birkholz in der Laudatio verriet. Ein anderes Detail verriet sie ebenfalls: Niemand aus der Jury hatte dem Text widerstehen können; alle hatten das komplette Manuskript (ca. 350 Seiten) gelesen, obwohl ich gemäß den Ausschreibungsbedingungen nur etwa 130 Seiten für die Jury ausgewählt und gekennzeichnet hatte. Zur Begründung für die Wahl sagte Dorothea Birkholz von der Jury: „Der Äthiopier“ hat uns überzeugt. Doch warum? Ist es die Sprache, die sich in Stil und Ausdrucksweise den Lebensphasen der Hauptperson anpasst und dadurch so lebendig und authentisch ist? Ist es die Erzählweise, die unseren Blick auch auf Kleinigkeiten lenkt und uns so intensiv am Geschehen teilhaben lässt? Oder ist es das Verknüpfen von konkreten, politischen Gegebenheiten mit einem persönlichen Schicksal, das zeigt, wie unterworfen individuelles Schicksal von Einzelnen ist? Ganz sicher aber war es auch das Leitmotiv im Handeln des Helden, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung von Problemen – nicht nur in Deutschland und in Äthiopien – sein kann. Das Schicksal des Mannes aus Afrika kann somit exemplarisch für ein Leben stehen, in dem die Fremdheit des afrikanischen Kontinents mit der Vertrautheit des Lebens in Deutschland (anfänglich in der DDR, später im vereinigten Deutschland) zusammengefügt ist. Da gibt es kein besser oder schlechter, kein rückständig oder fortschrittlich, ja, keine Wertung, nur anerkennendes und wertschätzendes Beschreiben. Vielen Dank an die Jury für diese berührenden Worte zu dem Roman. Vorher begrüßte Herbert Noack von der noon Foundation die etwa 60 Gäste der Veranstaltung, der Bürgermeister für Bildung, Jugend und Gesundheit Dirk Grunert sprach ein Grußwort – in dem er vor allem die Verdienste der noon Foundation Mannheim für die Stadt hervorhob, auf die ich hier auch verweisen möchte: Die Stiftung fördert die Bildung und Erziehung, insbesondere von bedürftigen Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten, in der Rhein-Neckar-Region. Eine wertvolle Initiative. Christine Wieder, die Leiterin der Stadtbibliothek, hielt ebenfalls ein Grußwort – und hob darin vor allem die Vorleseprojekte von Esther Noack in Ihrem Haus vor. Zwischendurch konnten wir alle uns von vielen Worten erholen, wenn Juliana Saib auf dem Klavier spielte. Die anschließende Lesung aus dem Roman war so spannend, dass anschließend alle Exemplare des Buches verkauft wurden, die die Buchhandlung Bender mitgebracht hatte, eine der ältesten Buchhandlungen Deutschlands. – Und ich hatte zuvor noch skeptisch gesagt: „Naja, was Sie heute nicht verkaufen, können Sie dann ja in die Buchhandlung mitnehmen.“ Dafür blieb dann nichts mehr übrig. Ich signierte fleißig und kam mit dem einen oder anderen Gast noch ins Gespräch, trank noch ein oder zwei Glas Wein – ehe Herbert Noack, die Jurymitglieder und ich zum gemeinsamen Mittagessen aufbrachen. Das dauerte über drei Stunden bei anregenden und angeregten Gesprächen. Was für ein Tag! Eine Ehrung für mein Buch, über die ich mich noch immer sehr freue – auch weil sie so unerwartet war. Danke an alle Beteiligten.
von Dorrit Bartel 5. März 2025
Ich schreibe diesen Text in meinem Quartier in Dakar Ouakam, einem der jüngeren Viertel der Stadt, das wächst und wächst. Das erkennt man gut an den vielen Baustellen. Einige davon befinden sich leider in meinem direkten Umfeld. Vor drei Jahren wurde das Dachgeschoss des Hauses, in dem ich wohne, zu einer Terrasse mit zwei kleinen Zimmern ausgebaut. Wochenlang dröhnten Hammerschläge direkt über meinem Kopf - so laut, dass sie in einer Videokonferenz zu Irritation bei einer Kollegin in Europa führten. In den vergangenen beiden Jahren wurde ein Haus genau gegenüber gebaut. Das ist nun fertig und ich sehe auch schon erste Bewohner dort. Das hat mich bei meiner Ankunft vor knapp drei Monaten sehr gefreut – von dort war also kein Hämmern mehr zu erwarten, kein Kreischen von Kreissägen. Leider gibt es genau neben unserem Haus schon seit Jahren ein halbfertiges, und der Bauherr hat beschlossen, dass daran just in diesen Tagen weitergebaut werden muss. Es wird gerade die Etage auf meiner Höhe gebaut und wenn ich morgens die Vorhänge vor meinem Fenster öffne, winken mir die Bauarbeiter zwischen zwei Hammerschlägen ein fröhliches „Bonjour“ zu. Eines Tages wird dieses Viertel mal ein sehr gemütliches, ruhiges sein; auf einer kleinen Freifläche vor dem Haus wurden inzwischen sogar ein paar Bäume gepflanzt und Bänke aufgestellt. Mit ähnlichen Freiflächen in Berlin ist diese allerdings nicht vergleichbar, die Bäume sind zwar da, prägen die Freifläche jedoch (noch) weit weniger als der Bauschutt, der dort ebenfalls abgelegt wird. Vor drei Wochen hatten sich mal ein paar Männer am Sonntagvormittag getroffen, um den Platz vom Müll zu befreien. Doch leider hat das nur dazu geführt, dass die Baustellen sich darüber freuen, wieder mehr Platz für neuen Müll zu haben. So sitze ich also hier, lasse mir über meine Active-Noise-Cancelling-Kopfhörer Waldgeräusche einspielen – was einen seltsamen Klangmix in meinen Kopf spült: Vogelzwitschern mit Hammerschlägen, die leider nicht ganz gecancelt werden. Ich tröste mich damit, dass es alles in allem für Dakar ein gutes Zeichen ist: die Wirtschaft brummt, die Stadt wächst, Wohnungen entstehen. Mehrfach am Tag gesellen sich zu diesen Geräuschen die Rufe des Muezzins, die nächste Moschee ist nur etwa einhundert Meter entfernt. Das ist nicht die einzige Moschee, deren Ruf ich höre, nur die nächste. An normalen Tagen ruft der Muezzin fünf Mal zum Gebet. Freitags singt er außerdem stundenlang, denn das ist der Haupt-Bet-Tag der Muslime. Und es gibt spezielle Feiertage, an denen den ganzen Abend gesungen wird, nach einer immer wiederkehrenden Melodie, die etwas Meditatives hat. Andere Geräusche der Stadt gesellen sich dann noch dazu: klappernde Scheren von mobilen Schneidern, Angebote von fliegenden Händlern aus scheppernden Lautsprechern, rangierende LKW, ratternde Motorroller, hupende Autos. Insbesondere in den Vormittagsstunden das durchdringende Hupen der Müllautos. So funktioniert nämlich die Müllabfuhr hier: Wenn das Müllauto am Straßenrand parkt und sein Signal gibt, strömen die Anwohner mit ihren Müllsäcken oder Eimern dorthin. Oder die Hausmeister – ich habe das große Glück, in einem Haus mit einem wunderbaren Hausmeister zu wohnen, so dass ich die volle Mülltüte nur vor der Wohnungstür abstellen muss, um den Rest kümmert sich Souleiman, ein junger Einwanderer aus Mali, der auch für alle sonstigen Wohnungsangelegenheiten zur Verfügung steht. Und er kann Karate, was vielleicht auch mal nützlich sein kann. Weiterhin sind da die jungen Männer, die einen Großteil des Tages auf den Stufen des Hauses gegenüber sitzen, miteinander scherzen oder diskutieren, auf ihren Smartphones Musik hören oder Fußballmatches verfolgen. Natürlich ohne Kopfhörer, das Vergnügen wäre ja nur halb so groß, wenn man es nicht mit anderen teilt. Wenn der andere Lärm es zulässt, höre ich sie mit den Vorübergehenden im Austausch: „Ca va?“ „Merci, ca va?“ – Zwei von ihnen sind Besitzer von Pferden mit zugehörigen Wagen. Wenn sie nicht gerade unterwegs sind, um (Bau-)Material zu transportieren, sitzen sie dort und warten auf Kundschaft. Das Pferdegetrappel und -wiehern gehört ebenfalls zum Sound der Stadt. Wie auch krähende Hähne und meckernde Ziegen, wobei letztere in meinem direkten Wohnumfeld selten geworden sind – vermutlich gibt es nicht mehr genug Platz für sie inmitten der Baustellen und frisch errichteten Häuser. Fehlen darf bei der Aufzählung nicht das Baby der Nachbarn, das gerade eine schwierige Phase durchmacht und manchmal eine Stunde lang schreit, gern spät am Abend. Oder die etwa zweijährige Tochter der Bonne (Haushälterin) im Haus gegenüber. Das Mädchen beginnt gerade, die Welt zu entdecken, wenn es nicht gerade auf dem Rücken seiner Mutter festgebunden ist, während diese die Stufen vor dem Haus fegt. Die Kleine läuft herum und wird mal von diesem oder jenem von der Straße zurückgehalten. Oder sie albert mit den Männern herum und tut ihre Bedürfnisse lautstark kund. Das ist der eher angenehme Sound der Stadt, in der sich ein Großteil des Lebens auf der Straße abspielt und die Nachbarn unaufdringlich ein Auge aufeinander haben. Auch auf mich. Daran musste ich denken, als ich vor etwa einem Jahr einen Artikel las, in dem ein schwedisches Projekt europaweites Interesse fand. Man wollte die Bürger einer Stadt im Norden Schwedens dazu animieren, einander häufiger „Hallo“ zu sagen. Als Maßnahme gegen Einsamkeit. Ich las darüber, während ich hier in Dakar saß, und wunderte mich: Daraus macht man in Europa ein vielbeachtetes Projekt? Hier wissen die Menschen intuitiv, dass diese Art des Umgangs miteinander wichtig ist. Dass wir Alle Teil einer Gemeinschaft sind und aufeinander achten müssen. Es ist einer der Gründe, aus denen ich gern hier bin – allen Baustellen zum Trotz. Und vielleicht gewöhne ich mir ja in Berlin auch an, hier und da mal ein „Hallo“ an Unbekannte einzustreuen.
von Dorrit Bartel 4. Dezember 2024
"Der Äthiopier" erhält den Literaturpreis der noon Foundation Mannheim "Aufstieg durch Bildung" 2025 und wurde einige Mal in der Presse erwähnt. Hier eine Auswahl: https://www.stiftungen.org/aktuelles/news-aus-stiftungen/detail/literaturpreis-aufstieg-durch-bildung-2025-an-dorrit-bartel-14274.html https://www.boersenblatt.net/news/preise-und-auszeichnungen/dorrit-bartel-erhaelt-literaturpreis-aufstieg-durch-bildung-351373 https://www.firmenpresse.de/pressinfo2134043-literaturpreis-aufstieg-durch-bildung-2025-an-dorrit-bartel.html https://www.openpr.de/news/1270791/Literaturpreis-Aufstieg-durch-Bildung-2025-an-Dorrit-Bartel.html https://schreiblust-leselust.de/literatur-news-oktober-2024 Ich freue mich - noch immer - sehr und bin jetzt schon gespannt auf die Begegnung mit der Jury, dem Stifter und den Gästen der Preisverleihung in Mannheim im März.
von Dorrit Bartel 4. Dezember 2024
Ich komme erst jetzt dazu, diesen Text einzustellen, im vergangenen Jahr hatte ich mal die Seite 3 der Schweriner Volkszeitung. Mit Claus Oellerking sprach ich damals über meine Reisen nach Afrika und das damals frisch erschienene Buch "Afrikas Pulsschlag" , das inzwischen seine neue Heimat im Verlag LeseGlück gefunden hat.
von Dorrit Bartel 3. Dezember 2024
Die österreichische Schriftstellerin, Journalistin und Podcasterin Valerie Springer hat mein Buch gelesen und im Campus & City Radio 94.4 St. Pölten vorgestellt. Ich freue mich über ihre Einschätzung und Leseempfehlung. https://www.cr944.at/book-shot/ Nachzuhören auf spotify: https://open.spotify.com/episode/4VYjkrqZAl1lRciOmedBzN
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