Die Staatenlenker von Äthiopien
21. Januar 2026

Da hängen nun ihre Bilder einträchtig nebeneinander in den Museen von Addis Abeba: Haile Selassie neben Mengistu Haile Mariam und dieser wiederum neben Meles Zenawi, gefolgt vom eher glücklosen Hailemariam Desalegn, der 2018 von Abiy Ahmed abgelöst wurde. Diese Bilder erwecken den Eindruck einer Kontinuität, die es so nicht gegeben hat.
Zur aktuellen Modernisierung Äthiopiens – mit der Abiy Ahmed sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern will – gehören auch neue Museen: Das Adwa Victory Memorial, das Palast Museum und der Unity Park, der auf 40 Hektar eine Art Mini-Äthiopien zeigt, mit Pavillons verschiedener Regionen, einem Zoo, typische äthiopischen Pflanzenarten sowie mehreren Palastgebäuden des früheren Kaisers Melinek II. Ich habe alle diese Orte besucht.
Ebenfalls neu ist das Palast Museum: Der Palast, in dem der letzte Kaiser von Äthiopien, Haile Selassie, lebte, inklusive Garten mit Kapelle und diversen anderen Nebengelassen. Neu ist ein Glasbau, in dem der Rundgang über das Gelände beginnt und in dem ein Teil des Fuhrparks von Haile Selassie ausgestellt ist. Natürlich ist er Nobelmarken gefahren und viele der Fahrzeuge waren Geschenke namhafter Autohersteller. Als Kaiser brauchte man natürlich Fahrzeuge für unterschiedliche Zwecke, so hatte er u.a. ein Auto, mit dem er hauptsächlich zur Kirche gefahren ist. Ein anderes, das nur dafür da war, ausländische Staatsoberhäupter vom Flughafen in Addis abzuholen.
Nicht ausgestellt ist der blaue VW Käfer, mit dem er im September 1974 aus eben diesem Palast entfernt wurde. Das Militär hatte die Macht übernommen und regierte anschließend etwa eineinhalb Jahrzehnte. Der Kaiser lebte danach noch knapp ein Jahr im Hausarrest im Seitenflügel eines anderen Palastes, ehe er vom neuen Regime ermordet wurde. Mengistu Haile Mariam hieß der neue Herrscher, der für den gewaltsamen Tod des Kaisers verantwortlich war. Eines Kaisers, der Äthiopien seinerzeit in die Moderne führte. Eines Kaisers, der auf der Weltbühne präsent war und die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit initiierte, die Vorgängerorganisation der heutigen Afrikanischen Union. Andrerseits war dieser Kaiser auch dafür verantwortlich, dass in der Hungersnot von 1973 zehntausende Äthiopier starben.
Im Adwa Victory Memorial gibt es auch ein Kino und dort sah ich einen Dokumentarfilm über die Grausamkeit, mit der die Militärjunta die Familie Haile Selassies behandelte: Der Kaiser wurde ermordet, ebenso weitere Familienmitglieder, mehrere Frauen der Familie saßen 14 Jahre ohne Prozess im Gefängnis, ehe es internationalen Freunden gelang, ihre Freilassung zu erwirken.
Über die Zeit der Militärjunta (1974 bis 1991) gibt es ein kleines, berührendes Museum im Zentrum von Addis, auch das habe ich besucht. Mehrere Wände des Museums sind bedeckt von Fotos der – zumeist sehr jungen – Opfer des Derg, an einer Stelle des Museums gibt es die Nachbildung eines Massengrabs, daneben Wände voller Gefäße mit Knochen und Schädeln, die nicht identifiziert werden konnten. Es wird geschätzt, dass dem Derg etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Besonders berührt hat mich die Aufforderung, dem Museum Informationen über weitere Opfer zukommen zu lassen. So wurde für mich fühlbar, dass jene Zeit nicht einfach nur Vergangenheit ist, sondern bis heute in das Leben von Familien hineinwirkt. Ein Mitarbeiter des Museums erzählte mir, die Arbeit des Museums stehe ganz unter dem Motto: Never again. Nie wieder. Eine Formulierung, die wir in Deutschland auch kennen. Inwieweit wir ihr gerecht werden, wird sich zeigen.
1991 wurde Mengistu gestürzt, er floh nach Simbabwe, wo er bis heute lebt. Er wurde in Abwesenheit in Äthiopien zunächst zu lebenslanger Haft und später zum Tode verurteilt. Gestürzt wurde er von der Volksbefreiungsfront von Tigray, deren Chef Meles Zenawi als Präsident bzw. als Premierminister die Geschicke Äthiopiens von 1991 bis zu seinem Tod 2012 lenkte.
Vor diesen blutigen Hintergründen muten die einträchtig wirkenden Galerien seltsam an. Immer wieder wundere ich mich, wenn ich die Portraits von Haile Selassie, Mengistu Haile Mariam und Meles Zenawi in einer Reihe sehe. Es ist ein bisschen so, als würden wir in Deutschland Wilhelm II, Adolf Hitler, Wilhelm Pieck und Konrad Adenauer nebeneinander hängen haben. Was uns nicht in den Sinn käme. Aber wer weiß schon, welches der bessere Umgang mit der eigenen Geschichte ist.