Galerie Staatenlenker Äthiopien im Unity Park in Addis Abeba
von Dorrit Bartel 21. Januar 2026
Da hängen nun ihre Bilder einträchtig nebeneinander in den Museen von Addis Abeba: Haile Selassie neben Mengistu Haile Mariam und dieser wiederum neben Meles Zenawi, gefolgt vom eher glücklosen Hailemariam Desalegn, der 2018 von Abiy Ahmed abgelöst wurde. Diese Bilder erwecken den Eindruck einer Kontinuität, die es so nicht gegeben hat. Zur aktuellen Modernisierung Äthiopiens – mit der Abiy Ahmed sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern will – gehören auch neue Museen: Das Adwa Victory Memorial, das Palast Museum und der Unity Park, der auf 40 Hektar eine Art Mini-Äthiopien zeigt, mit Pavillons verschiedener Regionen, einem Zoo, typische äthiopischen Pflanzenarten sowie mehreren Palastgebäuden des früheren Kaisers Melinek II. Ich habe alle diese Orte besucht. Angefangen habe ich mit dem Adwa Victory Memorial. Ein Museum für die Schlacht von Adwa 1896 im Äthiopisch-Italienischen Krieg, in dem Italien versuchte, Äthiopien zu seiner Kolonie zu machen. Doch die Äthiopier wehrten sich erfolgreich. Die Niederlage, die sie den Italienern zufügten, wird oft (und von den Äthiopiern sehr gern) mit dem Zusatz „vernichtend“ versehen. Ich bin nicht dafür, Schlachten oder Kriege zu verherrlichen, aber mit dieser Schlacht sicherte sich Äthiopien die Unabhängigkeit. Das bestimmt bis heute das nationale Bewusstsein: Äthiopien ist das einzige afrikanische Land, das nie kolonialisiert worden ist. Gleichzeitig war dieser Sieg auch ein Zeichen für andere afrikanische Länder: Es war möglich, sich den europäischen Kolonialmächten zu widersetzen. Insofern reicht die Bedeutung dieses Sieges über Äthiopien hinaus. Dafür steht dieses Museum, in dem mir vor allem einheimische Besucher begegnen. Ebenfalls neu ist das Palast Museum: Der Palast, in dem der letzte Kaiser von Äthiopien, Haile Selassie, lebte, inklusive Garten mit Kapelle und diversen anderen Nebengelassen. Neu ist ein Glasbau, in dem der Rundgang über das Gelände beginnt und in dem ein Teil des Fuhrparks von Haile Selassie ausgestellt ist. Natürlich ist er Nobelmarken gefahren und viele der Fahrzeuge waren Geschenke namhafter Autohersteller. Als Kaiser brauchte man natürlich Fahrzeuge für unterschiedliche Zwecke, so hatte er u.a. ein Auto, mit dem er hauptsächlich zur Kirche gefahren ist. Ein anderes, das nur dafür da war, ausländische Staatsoberhäupter vom Flughafen in Addis abzuholen. Nicht ausgestellt ist der blaue VW Käfer, mit dem er im September 1974 aus eben diesem Palast entfernt wurde. Das Militär hatte die Macht übernommen und regierte anschließend etwa eineinhalb Jahrzehnte. Der Kaiser lebte danach noch knapp ein Jahr im Hausarrest im Seitenflügel eines anderen Palastes, ehe er vom neuen Regime ermordet wurde. Mengistu Haile Mariam hieß der neue Herrscher, der für den gewaltsamen Tod des Kaisers verantwortlich war. Eines Kaisers, der Äthiopien seinerzeit in die Moderne führte. Eines Kaisers, der auf der Weltbühne präsent war und die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit initiierte, die Vorgängerorganisation der heutigen Afrikanischen Union. Andrerseits war dieser Kaiser auch dafür verantwortlich, dass in der Hungersnot von 1973 zehntausende Äthiopier starben. Im Adwa Victory Memorial gibt es auch ein Kino und dort sah ich einen Dokumentarfilm über die Grausamkeit, mit der die Militärjunta die Familie Haile Selassies behandelte: Der Kaiser wurde ermordet, ebenso weitere Familienmitglieder, mehrere Frauen der Familie saßen 14 Jahre ohne Prozess im Gefängnis, ehe es internationalen Freunden gelang, ihre Freilassung zu erwirken. Über die Zeit der Militärjunta (1974 bis 1991) gibt es ein kleines, berührendes Museum im Zentrum von Addis, auch das habe ich besucht. Mehrere Wände des Museums sind bedeckt von Fotos der – zumeist sehr jungen – Opfer des Derg, an einer Stelle des Museums gibt es die Nachbildung eines Massengrabs, daneben Wände voller Gefäße mit Knochen und Schädeln, die nicht identifiziert werden konnten. Es wird geschätzt, dass dem Derg etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Besonders berührt hat mich die Aufforderung, dem Museum Informationen über weitere Opfer zukommen zu lassen. So wurde für mich fühlbar, dass jene Zeit nicht einfach nur Vergangenheit ist, sondern bis heute in das Leben von Familien hineinwirkt. Ein Mitarbeiter des Museums erzählte mir, die Arbeit des Museums stehe ganz unter dem Motto: Never again. Nie wieder. Eine Formulierung, die wir in Deutschland auch kennen. Inwieweit wir ihr gerecht werden, wird sich zeigen. 1991 wurde Mengistu gestürzt, er floh nach Simbabwe, wo er bis heute lebt. Er wurde in Abwesenheit in Äthiopien zunächst zu lebenslanger Haft und später zum Tode verurteilt. Gestürzt wurde er von der Volksbefreiungsfront von Tigray, deren Chef Meles Zenawi als Präsident bzw. als Premierminister die Geschicke Äthiopiens von 1991 bis zu seinem Tod 2012 lenkte. Vor diesen blutigen Hintergründen muten die einträchtig wirkenden Galerien seltsam an. Immer wieder wundere ich mich, wenn ich die Portraits von Haile Selassie, Mengistu Haile Mariam und Meles Zenawi in einer Reihe sehe. Es ist ein bisschen so, als würden wir in Deutschland Wilhelm II, Adolf Hitler, Wilhelm Pieck und Konrad Adenauer nebeneinander hängen haben. Was uns nicht in den Sinn käme. Aber wer weiß schon, welches der bessere Umgang mit der eigenen Geschichte ist.
Airport Road in Addis Abeba 2025
von Dorrit Bartel 22. Dezember 2025
Als ich im Februar 2018 zum ersten Mal in Addis Abeba war, überraschten mich viele Dinge. Sehr eindrücklich sind mir noch die Nachttemperaturen in Erinnerung, die bei 8 bis 10 Grad liegen können und wenn dann auch noch etwas Wind dazukommt, kann das richtig unangenehm sein. Eine andere Überraschung boten mir die jungen Männer an der Rezeption meines Guesthouses. Als ich nämlich meinte, ich hätte Lust auf ein Bier, sprang einer von ihnen auf brachte mir eine leere Bierflasche. Die Erklärung wurde nachgeliefert: In Äthiopien kann man nur volle Bierflaschen kaufen, wenn man eine leere mitbringt. Manchmal klappt es auch gegen das glaubhafte Versprechen, die Pfandflasche ganz sicher wieder in den Laden zurückzubringen; aber verlassen sollte man sich darauf nicht. Ich ahnte damals noch nicht, dass ich mich in der Folge einige Jahre mit dem Land und seiner jüngeren Geschichte beschäftigen würde, um in „Der Äthiopier“ die wechselvolle Lebensgeschichte von Adane zu schreiben. Das war sicher die nachhaltigste Überraschung jener Reise. 2020 schrieb ich das Buch fertig und buchte einen Flug nach Addis. Ich wollte mir mit Adane Zeit nehmen, das Buch noch einmal durchzuarbeiten, um zu schauen, wo ich etwas verändern müsste. Doch dann kam der Bürgerkrieg und ich konnte nicht reisen. Adane und ich erledigten die Arbeit per Telefon, so dass das Buch trotzdem fertigwurde. Gern hätte ich Adane, der über der Arbeit ein Freund geworden war, noch einmal besucht. Doch der Bürgerkrie g währte zwei Jahre und auch nach dem Waffenstillstand 2022 blieb die Lage in Äthiopien fragil. Adane starb 2023, ohne dass wir uns noch einmal sahen. Ich rechnete nicht damit, noch einmal nach Äthiopien zu reisen. Weil die Lage instabil blieb und ich nur noch einen sehr bedingten persönlichen Kontakt zu dem Land habe: Manchmal schreibe ich mir Nachrichten mit Adanes Sohn, den ich aber nie persönlich getroffen habe. Und über das Netzwerk, das Adane mit mehreren Menschen in Deutschland und Äthiopien geknüpft hatte, bekomme ich hin und wieder Nachrichten aus seiner Familie. Doch nun bin ich wieder in Addis. Deutsche Freunde von mir arbeiten hier und haben in ihrer Wohnung in Addis ein Gästezimmer, das ich für ein paar Wochen beziehen durfte. Es ist ein modernes Haus in einem modernen Viertel, ringsum Botschaften, Hotels und ein Glaspalast der Weltbank. Die Airport Road, die ich von meinem Zimmer im 10. Stock sehen kann, entspricht ganz den Vorstellungen, die Abiy Ahmed für das künftige Äthiopien hat: Eine vierspurige Straße mit einem grasbedeckten Mittelstreifen auf dem auch ein paar Palmen gepflanzt wurden, gesäumt von breiten Bürgersteigen – hier sogar mit einer Fahrradspur. Nicht, dass ich bisher viele Fahrradfahrer gesehen habe, aber das kann sich ja ändern. Solche Straßen entstehen gerade im ganzen Land und sind Teil der Modernisierung Äthiopiens. Auch in Harar, wo wir an meinem ersten Wochenende in Äthiopien waren, habe ich diese Art von Straßen gesehen, zum Teil schon fertiggestellt, oft aber noch im Bau befindlich. Ich habe zu dieser Modernisierung noch gar keine Meinung. Einerseits ist diese Entwicklung beeindruckend. Andrerseits vermisse ich in diesen Tagen das, was für mich meine Afrika-Aufenthalte (Afrika hier bewusst geschrieben, da ich das in mehreren afrikanischen Ländern so erlebt habe) immer so besonders machte: Kleine, eher improvisierte Märkte, auf denen sich viele Menschen tummeln, einander grüßen und eine Art von Gemeinschaft bilden. Händlerinnen oder Schneiderinnen am Straßenrand, bei denen immer ein paar Verwandte und Freunde sitzen, so dass es dort nicht nur um Arbeit und Geldverdienen geht, sondern auch um das soziale Miteinander. An der Airport Road unter mir gibt es das – selbstverständlich – nicht. An einem der vergangenen Tage bin ich von meinem Quartier aus in die andere Richtung gegangen, und habe dort einen solchen Markt gefunden, der sich ein paar Straßen entlangzieht, habe an einem der kleinen Stände Kaffee getrunken, der hier immer noch frisch gekocht wird – es braucht also immer etwas Zeit für einen solchen Kaffee – und war für einen Moment getröstet von allem Kummer des Lebens. In den nächsten Wochen werde ich mich zwischen diesen beiden Polen bewegen: dem tröstlichen, gemeinschaftlichen Miteinander einerseits und den vierspurigen Straßen andererseits. Vor- und Nachteile von beidem betrachten, Grautöne aufspüren. Vielleicht werde ich am Ende immer noch keine Meinung dazu haben. Vielleicht muss ich das auch nicht. Lachen musste ich, als ich von meinen Freunden einen Auftrag bekam. Sie hatten vor ihrer Abreise in die Weihnachtsferien nach Deutschland noch einen Empfang gegeben. Es war ein sehr schöner Abend auf der Dachterrasse des Hauses, der Abend war windstill, so dass die kühlen nächtlichen Temperaturen nicht unangenehm waren. Es waren vor allem internationale Gäste da und ein einheimischer Caterer, der Drinks mixte und Bier oder Wein ausschenkte. Bier wurde allerdings kaum getrunken und so steht nun hier noch eine fast volle Kiste Bier. Ich solle mich daran gütlich tun, so der Auftrag, und wenn ich das Bier ausgetrunken habe, den Caterer anrufen, damit der seine Kiste mit den leeren Flaschen wieder abholen könne. Nicht etwa, damit hier Platz wird, denn davon gibt es genug. Sondern weil Leergut auch im modernen Äthiopien kostbar ist.
von Dorrit Bartel 19. August 2025
Endlich ist Sommer geworden und deshalb lade ich am 30. August mit meiner lieben Kollegin Caroline Kemps de Escalante zu einer Lesung unter einer Zehlendorfer Rotbuch ein. Caroline liest aus ihrem Roman "Aschebraut", ich aus "Der Äthiopier". Die „Aschebraut“ von Caroline setzt dort ein, wo das Aschenbrödel zu Ende ist – die Geschichte war einfach noch nicht auserzählt. Freut Euch auf die packende Fortsetzung. Der Roman „Der Äthiopier“ von Dorrit erzählt – nach einer wahren Geschichte – die aufregende Lebensgeschichte von Adane, der in seinem Leben zwischen Äthiopien und Deutschland einmal mehr aufsteht als er fällt. Für Getränke zu fairen Preisen wird gesorgt sein und falls das Wetter nicht mitspielt, gibt es eine Regenvariante. Wir freuen uns auf einen wundervollen Nachmittag mit Märchen und Abenteuer. Wenn Du dabei sein möchtest, schicke mir eine Nachricht - ich schicke Dir dann genaue Daten, so die Lesung noch nicht ausgebucht ist.
von Dorrit Bartel 25. Juli 2025
Am 7. August 2025 um 19:30 Uhr lade ich zu einer Online-Lesung aus meinem preisgekrönten Roman "Der Äthiopier" ein. Der Roman erhielt in diesem Jahr den Literaturpreis "Aufstieg durch Bildung" der noon Foundation Mannheim. Unter den Gästen der Lesung verlose ich - privat - drei signierte Exemplare der neuen Ausgabe von "Der Äthiopier", erschienen im RavenPort Verlag am 31. Mai 2025 Der Link wird Dir am Tag der Lesung zugesandt. Ich freue mich auf Dich. Bitte melde Dich hier an:
von Dorrit Bartel 16. April 2025
 Am 22. März war es so weit: In Mannheim fand die Preisverleihung für den Literaturpreis „Aufstieg durch Bildung“ 2025 statt, den ich für den Roman „Der Äthiopier“ bekam. Weil ich danach oft gefragt wurde, erzähle ich hier kurz die Vorgeschichte. Ich hatte eine der letzten Ausschreibungen für den Preis gesehen, zu einer Zeit, als ich noch an dem Roman schrieb, und damals schon gedacht: Wenn ich irgendwann so weit bin mit dem Roman, dass eine Veröffentlichung bevorsteht, sollte ich das Manuskript für diesen Preis einreichen. Das Thema Bildung spielt in dem Roman eine große Rolle – auf Adanes Weg von der Savanne in die Schule und an die Universität bis zu seinem eigenen Engagement, mit dem er Jahrzehnte später selbst Kindern aus der Savanne den Schulbesuch ermöglichte. Bildung war der große Bogen seines bewegten Lebens. Als ich im vergangenen Jahr die Veröffentlichung des Romans vorbereitete, fand ich die aktuelle Ausschreibung des Preises. Noch immer fand ich, dass Adanes Geschichte unbedingt dieser Jury vorgestellt werden musste und sandte also das Manuskript – wie gefordert – anonymisiert und mit ausgewählten Textstellen nach Mannheim. Viel Hoffnung hatte ich nicht – schließlich hatte ich schon fast drei Jahre bei Agenturen und Verlagen geklappert, weil ich sicher war, dass es ein gelungenes Buch ist, aber offenbar recht allein mit meiner Meinung war. Immerhin war ich sicher genug, es selbst herauszugeben. Rasch vergaß ich die Einreichung wieder, irgendwann im September dachte ich mal einen flüchtigen Moment lang, dass ich vermutlich irgendwann lesen würde, wer ein besseres Manuskript eingereicht hatte. Und vergaß es wieder, so dass der Anruf Ende Oktober eine echte und willkommene Überraschung war. Und dann begannen die Vorbereitungen der noon Foundation für die Preisverleihung – gestemmt vom Stifterehepaar Esther und Herbert Noack, deren E-Mails mir in den Wintermonaten in Dakar immer willkommen waren. Aus jeder Zeile sprach ihre Vorfreude auf die Preisverleihung und der Wunsch, es zu einer besonderen Veranstaltung zu machen – vor allem für mich als Preisträgerin, aber auch für alle anderen Beteiligten und die Gäste. Und es gelang: Ich hatte einen wunderbaren Tag in Mannheim. Bereits am Vorabend der Veranstaltung lernte ich Esther und Herbert Noack kennen, zu einem Ortstermin am Veranstaltungsort, der Stadtbibliothek Mannheim. Auf dem gemeinsamen Weg vom Hotel zur Bibliothek erhielt ich eine kleine Stadtführung und nach dem Besichtigungstermin noch einen Drink, bei dem wir uns über die Stadt, den Preis und das Schreiben austauschten. Etwas aufgeregt war ich am Samstagmorgen schon, eine Veranstaltung, die sich hauptsächlich um mein Buch drehen sollte – das ja, wie erwähnt – drei Jahre lang vergeblich ein Verlags-Zuhause gesucht hatte. Es tat gut, zu hören, dass die Jury in ziemlicher Einigkeit meinen Text ausgesucht hatte, wie Dorothea Birkholz in der Laudatio verriet. Ein anderes Detail verriet sie ebenfalls: Niemand aus der Jury hatte dem Text widerstehen können; alle hatten das komplette Manuskript (ca. 350 Seiten) gelesen, obwohl ich gemäß den Ausschreibungsbedingungen nur etwa 130 Seiten für die Jury ausgewählt und gekennzeichnet hatte. Zur Begründung für die Wahl sagte Dorothea Birkholz von der Jury: „Der Äthiopier“ hat uns überzeugt. Doch warum? Ist es die Sprache, die sich in Stil und Ausdrucksweise den Lebensphasen der Hauptperson anpasst und dadurch so lebendig und authentisch ist? Ist es die Erzählweise, die unseren Blick auch auf Kleinigkeiten lenkt und uns so intensiv am Geschehen teilhaben lässt? Oder ist es das Verknüpfen von konkreten, politischen Gegebenheiten mit einem persönlichen Schicksal, das zeigt, wie unterworfen individuelles Schicksal von Einzelnen ist? Ganz sicher aber war es auch das Leitmotiv im Handeln des Helden, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung von Problemen – nicht nur in Deutschland und in Äthiopien – sein kann. Das Schicksal des Mannes aus Afrika kann somit exemplarisch für ein Leben stehen, in dem die Fremdheit des afrikanischen Kontinents mit der Vertrautheit des Lebens in Deutschland (anfänglich in der DDR, später im vereinigten Deutschland) zusammengefügt ist. Da gibt es kein besser oder schlechter, kein rückständig oder fortschrittlich, ja, keine Wertung, nur anerkennendes und wertschätzendes Beschreiben. Vielen Dank an die Jury für diese berührenden Worte zu dem Roman. Vorher begrüßte Herbert Noack von der noon Foundation die etwa 60 Gäste der Veranstaltung, der Bürgermeister für Bildung, Jugend und Gesundheit Dirk Grunert sprach ein Grußwort – in dem er vor allem die Verdienste der noon Foundation Mannheim für die Stadt hervorhob, auf die ich hier auch verweisen möchte: Die Stiftung fördert die Bildung und Erziehung, insbesondere von bedürftigen Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten, in der Rhein-Neckar-Region. Eine wertvolle Initiative. Christine Wieder, die Leiterin der Stadtbibliothek, hielt ebenfalls ein Grußwort – und hob darin vor allem die Vorleseprojekte von Esther Noack in Ihrem Haus vor. Zwischendurch konnten wir alle uns von vielen Worten erholen, wenn Juliana Saib auf dem Klavier spielte. Die anschließende Lesung aus dem Roman war so spannend, dass anschließend alle Exemplare des Buches verkauft wurden, die die Buchhandlung Bender mitgebracht hatte, eine der ältesten Buchhandlungen Deutschlands. – Und ich hatte zuvor noch skeptisch gesagt: „Naja, was Sie heute nicht verkaufen, können Sie dann ja in die Buchhandlung mitnehmen.“ Dafür blieb dann nichts mehr übrig. Ich signierte fleißig und kam mit dem einen oder anderen Gast noch ins Gespräch, trank noch ein oder zwei Glas Wein – ehe Herbert Noack, die Jurymitglieder und ich zum gemeinsamen Mittagessen aufbrachen. Das dauerte über drei Stunden bei anregenden und angeregten Gesprächen. Was für ein Tag! Eine Ehrung für mein Buch, über die ich mich noch immer sehr freue – auch weil sie so unerwartet war. Danke an alle Beteiligten.
von Dorrit Bartel 3. Dezember 2024
Die österreichische Schriftstellerin, Journalistin und Podcasterin Valerie Springer hat mein Buch gelesen und im Campus & City Radio 94.4 St. Pölten vorgestellt. Ich freue mich über ihre Einschätzung und Leseempfehlung. https://www.cr944.at/book-shot/ Nachzuhören auf spotify: https://open.spotify.com/episode/4VYjkrqZAl1lRciOmedBzN
von Dorrit Bartel 10. August 2024
Buchpremiere "Der Äthiopier" Lesung mit Musik von Claudio Tambele Wann: 27. August 2024 19 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr) Wo: Cafe Manstein4, Mansteinstraße 4 in 10783 Berlin Selbstverständlich gibt es das Buch auch zu kaufen und gern signiere ich es auch. Ich freu mich drauf.
Adane in einem Durchgang
von Dorrit Bartel 5. Januar 2024
Heute, am 5. Januar, hätte Adane Geburtstagsglückwünsche entgegengenommen. Sowohl er als auch seine Gratulanten hätten gewusst, dass dieser Tag nicht sein Geburtstag war. Denn niemand weiß, wann er geboren wurde. Der Geburtstag ist einmal so festgelegt worden, in dem Internat der norwegischen Nonnen, in das er als Kind gesteckt wurde. Irgendwann hatte man dort die Kinder durchgezählt und die Geburtstage auf den entsprechenden Tag des Jahres festgelegt. Adane, so hat er es einmal erzählt, war einfach die Nummer fünf in der Reihe. Vielleicht ist es so oder ähnlich gewesen. Vielleicht hat er diese Geschichte aber auch nur so wiedergegeben, weil sie sich gut und einleuchtend anhört. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler und er hat die Geschichte(n) seines Lebens wieder und wieder erzählt, wenn er mit Touristen durch sein Heimatland fuhr und er sie auf stundenlangen Busfahrten bei Laune halten wollte. Sicher hat er hier und da an den Geschichten gefeilt, Szenen seines Lebens ein wenig verändert oder zugespitzt, Dinge weggelassen, die ihm unwichtig schienen oder in der Erinnerung unangenehm waren. Tun wir das nicht alle? Mir hat er die Langfassung seines Lebens erzählt. Ich besitze etwa fünfundzwanzig Stunden Tonaufnahmen, die aus dem Jahr 2018 stammen. Im Februar jenes Jahres war ich eine der Touristinnen im Bus und fragte ihn schließlich, ob ich einen Roman über sein Leben schreiben dürfe. Alle in der Reisegruppe waren fasziniert von seinem Leben, doch für mich kam ein weiterer Aspekt hinzu: Wir teilten ein Stück deutscher Vergangenheit. Doch während ich den allumfassenden gesellschaftlichen Umbruch nur einmal erlebt hatte, hatte er diese Erfahrung mehrfach machen müssen. Offenbar war er gut damit klargekommen, denn er war heiter und optimistisch, während meine ostdeutschen Landsleute zum Teil schon von dem einen Umbruch überfordert schienen. Ich wollte wissen: Wie hatte er das gemacht? Nachdem er meinem Vorschlag zustimmte, fuhr ich im Juni desselben Jahres noch einmal nach Äthiopien, um die Langversion eines Lebens zu hören, das für mindestens drei gereicht hätte. Etwa zwei Jahre habe ich gebraucht, um seine Geschichte in einen Roman zu verwandeln. „Ich habe dir zwei Jahre meines Lebens geschenkt“, habe ich bei späteren Telefonaten manchmal zu ihm gesagt. Er lachte dann und sagte, er habe sich den Roman ausgedruckt und lese gelegentlich darin. Das reiche ihm. Er teilte meine Frustration darüber nicht, dass es mir in den drei Jahren nach Vollendung des Romans nicht gelang, einen Verlag für seine Geschichte zu interessieren. Auch als ich versprach, den Roman 2024 endlich selbst herauszubringen, betonte er, dass es ihm nicht mehr darauf ankäme. Er war glücklich darüber, dass die Geschichte geschrieben war und ich ihn, wie er mir gestand, etwas besser dargestellt hatte, als er sich selbst empfand. Zwei Jahre lang habe ich seinen Lebensweg nachgezeichnet. Von der Savanne, wo er geboren wurde und seine ersten Lebensjahre verbrachte, über das Internat der norwegischen Nonnen, das ganz in der Nähe seines Heimatdorfes lag, auch wenn ihm das damals nicht bewusst war. Für ihn war es gewesen, als sei er aus seiner eigenen Welt verstoßen worden und in eine vollkommen andere geraten, ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit. Sein Ehrgeiz brachte ihn zum Medizinstudium nach Addis Abeba und in die Wirren der Machtkämpfe nach der Absetzung Haile Selassies. Er arrangierte sich – nach einem Gefängnisaufenthalt nicht ganz freiwillig – mit den Machthabern um Haile Mariam Mengistu. Am Ende von Mengistus Herrschaft gut eineinhalb Jahrzehnte später kam er wieder ins Gefängnis. Dazwischen lagen: eine Karriere als Funktionär, ein Studium und eine Promotion in der DDR und, als diese sich auflöste, die Rückkehr nach Äthiopien als stellvertretender Kulturminister. Auch die äthiopische Variante des Sozialismus hielt sich nicht und es war ebenso zynisch wie folgerichtig, dass er wieder im Gefängnis landete. Nach der Entlassung schaffte er es zurück nach Deutschland und begann – wieder einmal – ein neues Leben. Er heiratete und bekam zwei Kinder. Wechselte ins Baufach, lernte sämtliche Baugewerke so gut, dass er selbst zum Ausbilder wurde. Nach einigen Jahren wagte er wieder, sein Heimatland zu besuchen und entschied sich schließlich sogar, ganz zurückzukehren. Er sah dort einen Auftrag für sich: Der nächsten Generation in seiner Familie Bildung ermöglichen. Das, so sagte er manchmal zu mir, sei das letzte, was er in seinem Leben noch erreichen wolle: Dass jedes seiner dreizehn Geschwister ein Kind mit einem Schulabschluss in der Familie hat. Als er diesen Auftrag für sich annahm, ahnte er nicht, wie schwer es werden würde. Einmal habe ich ihn gefragt, ob er manchmal bedauern würde, zurückgekehrt zu sein, denn in Deutschland hätte er doch ein bequemeres Leben haben können. Er verstand die Frage nicht. „Dies ist meine Heimat.“ Wir haben oft telefoniert. Bis Ende 2020 wegen des Buches. Danach, weil wir Freunde geworden waren. Ich wäre auch gern noch einmal in seine Heimat gereist, um ihn zu besuchen. Für Ende 2020 war der Flug bereits gebucht, als in Äthiopien wieder ein Bürgerkrieg ausbrach. Ich stornierte den Flug und wir überarbeiteten das Buch kapitelweise telefonisch. Adane hatte Zeit, denn er hatte keine Arbeit. Die Pandemie war eine Katastrophe für den Tourismus gewesen, der Bürgerkrieg verschlimmerte die Lage zusätzlich und hat sich auch nach dem Waffenstillstand vom Dezember 2022 nicht entscheidend verbessert. Wenn ich ihn fragte, wann ich ihn besuchen könnte, vertröstete er mich immer wieder. Er wollte mich keiner Gefahr aussetzen. Adanes letzte Jahre waren von der Unsicherheit in Äthiopien geprägt. Ich beobachtete die Wandlung des Landes aus der Ferne. Bei meinem Besuch 2018 hatte hoffnungsvolle Aufbruchstimmung geherrscht: Abiy Ahmed schloss Frieden mit Eritrea und stieß weitere Reformen an. Er bekam dafür 2019 den Friedensnobelpreis und hielt bei der Preisverleihung eine berührende Rede gegen den Krieg. Doch offensichtlich hatte er keine nachhaltigen Antworten auf die Konflikte im eigenen Land, die über Jahrzehnte gewachsen waren und sich jetzt zuspitzten. Nicht nur einmal schlich sich langes Schweigen in meine Telefonate mit Adane, wenn er berichtete: Wie die Soldaten, die für die die Regierung Lebensmittel verteilten, einen Teil des Getreides für sich selbst beiseiteschafften. Wie er darunter litt, dass die Kinder nicht genug zu essen hatten. Wie er in einem Dorf nach einem Massaker mit über hundert Toten aufräumte. Wenn ich meine Sprache wiederfand und ihn fragte, ob ich etwas für ihn tun könne, antwortete er: „Du kannst nichts tun und du musst auch nichts tun. Es reicht, wenn ich mit dir darüber reden kann. Das tut mir gut.“ Er hielt sich und die Kinder über Wasser: Mit Tätigkeiten auf dem Bau, die allerdings weniger Einkommensquelle als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren. Er gestand mir einmal, seine größte Angst sei, die Kinder zurück zu ihren Eltern in die Savanne bringen zu müssen, weil er sie nicht mehr versorgen könne. „Wenn ich das machen muss, gehe ich danach irgendwohin zum Sterben.“ Das Sterben spielte immer häufiger eine Rolle in unseren Gesprächen. „Um mich sorge ich mich nicht. Ich habe mein Leben gehabt. Aber die Kinder …“ Irgendwie ging es immer weiter. Mit Spenden aus Deutschland und von Nachbarn, von denen er sehr geschätzt wurde. Einmal brachten sie ihm zum Beispiel einen Sack Getreide, mit dem er die Kinder und sich für eine weitere Woche durchbrachte. Den Kindern im Ort sagten sie, sie sollten werden wie Adane – so erzählte es mir eine gemeinsame Bekannte, die ihm zuletzt noch häufig begegnet war. Adane war klug, warmherzig und großzügig. Zuletzt betrieb er eine Schreinerei. Für die hatten ebenfalls Freunde gespendet, und er war glücklich, arbeiten zu können. Er stellte Frauen ein, die oft verantwortungsbewusster waren als Männer, wissbegieriger, geschickter. So brachte er nicht nur „seine Kinder“ durch, sondern auch die der Frauen. Doch auch der Betrieb der Schreinerei war zuletzt immer schwieriger geworden, es gibt in Äthiopien kaum noch Material, keine Nägel, keine Schrauben, keinen Leim. Und keine Vorschüsse mehr, bei der fragilen Situation im Land war kein Auftraggeber sicher, ob die Arbeit fertiggestellt werden würde. Also kaufte Adane Holz auf eigenes Risiko. Irgendwie ging es weiter. Inzwischen schlossen einige „seiner Kinder“ eine Ausbildung oder ein Studium ab und verdienten selbst Geld. Sie unterstützten ihn und die Kinder, die noch keinen Abschluss haben. Er hätte noch drei, vier Jahre gebraucht, um sein Ziel zu erreichen. Es war ihm nicht vergönnt. Adane starb am 1. Dezember 2023, nachdem er sich am Morgen schlecht gefühlt hatte und ein Krankenhaus aufsuchte, in dem man nur noch zu hohen Puls und Blutdruck feststellen, aber nichts mehr für ihn tun konnte. Vielleicht war zuletzt doch alles zu viel für ihn gewesen. Sein Sohn Yitawok schreibt mir, dass er versuchen will, das Werk seines Vaters zu vollenden und auch den letzten der Kinder zu einem Schulabschluss zu verhelfen. Ich hoffe sehr, dass es ihm gelingt und will ihn dabei begleiten. 2018, in der hoffnungsvollen Zeit, als Adane und ich in Dire Dawa unsere langen Gespräche führten, hatten wir ein allabendliches Ritual. Nach dem Abendessen, das wir meist in der Kneipe eines Freundes zu uns nahmen, fuhren wir mit einem Tuk-Tuk durch die dunkle Stadt ins Hotel und tranken dort als Absacker einen Gin. Ich werde in meinem Leben nie wieder einen Gin trinken, ohne mich an den unglaublich weichen Geschmack äthiopischen Gins zu erinnern. Ich werde nie wieder Gin trinken, ohne mich daran zu erinnern, dass wir am Telefon oft darüber sprachen, irgendwann wieder zusammen Gin zu trinken. Ich werde nie wieder Gin trinken können, ohne an Adane zu denken und zu spüren, wie sehr er fehlt. Als jemand, der aus zwei Welten berichten und zwischen ihnen vermitteln konnte. Und als Freund.
von Dorrit Bartel 29. Dezember 2021
Nein, die gute Nachricht ist leider nicht, dass der Krieg in Äthiopien vorbei ist. Zwar hat sich die Rebellenarmee der TPLF zu Friedensverhandlungen bereiterklärt, was ein Fortschritt ist, aber ob Regierung und Rebellen sich einigen werden und wie lange es dauert … Und doch gibt es gute Nachrichten von Adane, der seinen zuletzt ausgeübten Beruf als Touristenguide zuerst corona- und dann kriegsbedingt seit März 2020 nicht mehr ausüben kann. Er hielt sich und „seine“ Kinder mit Spenden aus Deutschland und schlechtbezahlten Jobs auf dem Bau über Wasser. Glücklicherweise haben die beiden ältesten „seiner“ Kinder inzwischen eine Ausbildung und ein Studium abgeschlossen und unterstützen ihn von ihrem Lohn. Und er selbst verdient auch wieder regelmäßig Geld. Wenn es gut läuft – was man in einem Land wie Äthiopien nie wissen kann – hat er gerade den letzten beruflichen Wechsel seines Lebens vollzogen. Mit Mitte sechzig. Als ich ihn am zweiten Weihnachtsfeiertag anrufe, ist er überrascht: „Ich versuche seit Tagen erfolglos, Freunde und Bekannte in Europa anzurufen, aber offenbar sind die Leitungen gekappt. Aber innerafrikanisch klappt es. Wow.“ Ich bin nämlich in Dakar, verbringe mein erstes afrikanisches Weihnachten und bin noch ganz begeistert davon, bei 25 Grad Außentemperatur um einen künstlichen Weihnachtsbaum zu tanzen und Let it snow mitzugrölen. Wir müssen beide darüber lachen, ehe Adane erzählt, dass er Weihnachten in diesem Jahr ausfallen lassen musste. Ohnehin ist das Weihnachtsfest in Äthiopien im Dezember immer sehr exotisch, denn das orthodoxe Weihnachtsfest ist dort erst am 7. Januar. Aber mit Gott hat Adane es nicht so. Und da er sich nach mehr als 20 Jahren, die er in Deutschland gelebt hat, als halber Deutscher fühlt, hat er jedes Jahr für „seine“ Kinder deutsche Weihnachten veranstaltet. Mit einem selbstgepflückten Baum (ich korrigiere diesen seltenen Fehler in seinem Deutsch nicht) und Geschenken. Im vergangenen Jahr war das Geschenk für jedes Kind ein Kugelschreiber, die er irgendwo als Werbegeschenke abgestaubt hatte. In diesem Jahr gab es nicht einmal das, denn er hatte kein Geld und auch keine Zeit, um irgendwo Werbegeschenke aufzutreiben. Denn alle Zeit und sein letztes Geld (zusammen mit Geld von deutschen Freunden) sind in eine Schreinerei geflossen, deren Teilhaber er seit neuestem ist. Ich hatte das alles nur am Rande verfolgt, weil ich zu sehr mit meiner Abreise nach und meiner Ankunft in Afrika beschäftigt war. Erst jetzt haben wir Zeit, ausführlich darüber zu sprechen. Der Vorbesitzer der Schreinerei ist im Krieg gefallen – einer von Tausenden. Seine Witwe wollte die Schreinerei für 10.000 Euro verkaufen, was Adanes Mittel weit überstiegen hätte. Also machte er ihr einen Vorschlag: Sie bekommt sofort 2000 Euro und bleibt Teilhaberin. Auf lange Sicht ist das für sie besser als eine einmalige Summe. Und nun ist Adane Teilhaber einer gutgehenden Schreinerei, die in der Vergangenheit vor allem für die Regierung gearbeitet hat. Und Adane hat selbst bereits einen Regierungsauftrag akquiriert. „Ich arbeite sechzehn Stunden am Tag“, sagt er und ich habe ihn lange nicht so glücklich gehört. „Ich dachte, Du bist der Chef und lässt arbeiten?“ „In acht Monaten etwa wird es vermutlich etwas besser. Ich habe nur einige der früheren Angestellten übernommen, die ich erst anlernen muss. Zum Teil haben sie vorher nur als Helfer gearbeitet und noch nie eine der Maschinen angefasst.“ Jetzt zahlt sich nicht nur Adanes deutsche Ausbildung auf dem Bau aus, sondern auch die Tatsache, dass er für die Philip Holzmann AG auch als Ausbilder gearbeitet hat. „Vor allem habe ich Frauen eingestellt. Ich wusste nicht, dass mich Kinder so rühren. Wenn eine Frau mit drei oder vier Kindern vor mir steht, die sie allein durchbringen muss, kann ich nicht nein sagen. Jetzt habe ich elf Frauen und sieben Männer als Angestellte.“ „Du bist also zuversichtlich, dass du genug Aufträge bekommen wirst?“ „Der Mann vom Bildungsministerium meinte, dass ich bestimmt die nächsten drei Jahre gut zu tun haben werde.“ „Weil im Krieg so viel zerstört wurde?“ „Ganz genau. Jetzt sorgt der Krieg, den ich so sehr hasse, dafür, dass ich Geld verdiene…“ Ich kann förmlich sehen, wie er darüber den Kopf schüttelt, nicht sicher, welches Gefühl überwiegt: Der Hass auf den Krieg oder die Erleichterung darüber, wieder arbeiten zu können. Die Pause zwischen uns ist die, die sich immer in unsere Gespräche schleicht, wenn das Thema zu komplex ist. Am Ende der Pause sagt Adane: „Ich wünschte, du könntest dich jetzt – nur für dreißig Minuten oder so – von Dakar hierher beamen, damit ich dir meine Werkstatt zeigen kann.“ „Vielleicht macht ihr ja wirklich Frieden. Dann kann ich Dich bald besuchen. So richtig, mit Flugzeug und für länger und so.“ „Das wünsche ich mir von ganzem Herzen.“ Dem schließe ich mich mit ganzem Herzen an: Möge das nächste Jahr Frieden für Äthiopien bringen. Foto: Adane an der Werkbank.
von Dorrit Bartel 5. Dezember 2021
Wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass Adane jetzt im Kriegsgebiet Flüchtlingsunterkünfte baut, aber er hat keine Wahl. Unruhig warte ich auf Nachricht. Nach vier Tagen höre ich von ihm. „Die Pläne haben sich geändert. Ich gehe nach Djibouti.“ „Ist es dort sicher?“ Adane holt etwas weiter aus: Als er in Addis Abeba angekommen ist, von wo aus er mit achtzehn weiteren äthiopischen Bauarbeitern für das Internationale Rote Kreuz nach Dese fahren sollte, ist der Plan aus Sicherheitsgründen aufgegeben worden. Alle Bauarbeiter sind nach Hause geschickt worden. Sie sollen sich bereithalten, für bald, wenn die Lage sich verbessert hat. Der Schotte, der ihnen dies mitteilte, erzählte Adane auch, dass es noch ein anderes Problem gibt: Die Teile für die Fertighäuser, die an vier verschiedenen Standorten in Äthiopien errichtet werden sollen, liegen noch am Hafen in Djibouti. Aber: Es gibt niemanden, der die Ladung so aufteilen kann, dass die Teile korrekt auf alle vier Orte verteilt werden. Niemand kennt sich mit Fertighausbau aus. Adane zögert nicht eine Sekunde. „Ich kann das. Ihr kennt meine Referenzen und wisst, dass ich Ahnung vom Bau habe. Fertighäuser habe ich schon gebaut.“ In Singapur, aber das sagt er nicht, es würde nur verwirren: Ein Äthiopier mit deutschen Zeugnissen, der in Singapur Fertighäuser gebaut hat. Eine zu lange Geschichte für den Schotten, dessen Gesicht sich aufhellt. Zeichnet sich hier eine Lösung für sein Problem ab? Vor seinem nächsten Satz holt Adane tief Luft: „Für fünfhundert Euro pro Tag mache ich das.“ Ich sehe förmlich, wie der Schotte die Augen aufreißt. Eben noch sollte Adane für zwölf Euro am Tag Häuser bauen. Andererseits: Irgendjemand muss die Teile von Djibouti aus verteilen. Er muss das mit seinem Chef besprechen. Eine halbe Stunde später ist der Deal besiegelt. Adane bekommt zwei Tage für seinen Auftrag und tausend Euro. Dafür hätte er ein halbes Jahr arbeiten müssen. Als Adane mir das erzählt, ist er schon in Dire Dawa, etwa 150 Kilometer von der Grenze zu Djibouti entfernt; morgen fährt er dorthin. Sicher sei es, denn die Grenze zwischen Äthiopien und Djibouti ist gut bewacht – von beiden Seiten. Adane hat das Geld schon bekommen und vor allem auch seinen Status verbessert. Ein paar Tage zuvor noch ist er noch mit einem Sammelminibus von Dire Dawa nach Addis Abeba gefahren, jetzt ist er von Addis aus geflogen. Und man hat ihm nicht nur das Flugticket bezahlt, sondern auch einen Wagen mit Chauffeur geschickt, der ihn vom Flughafen ins Hotel gebracht hat – in eines der besten Häuser am Platz. „Und da hast du dir gleich eine Runde Kat gegönnt?“, frage ich, denn mir fällt auf, dass seine Sprache ein bisschen verlangsamt ist. So, wie ich es von den Männern in den nachmittäglichen Katrunden kenne, bei denen ich 2018 zu Gast war – ohne selbst zu kauen. Entrüstet verneint Adane. „Aber ich musste vorhin mit dem Schotten Whisky trinken. Zwei Single Black Label – und das, nachdem ich seit fast zwei Jahren nicht einen Tropfen Alkohol getrunken habe.“  Bevor wir uns verabschieden, bittet er mich ein bisschen kleinlaut: „Drück‘ mir die Daumen, dass ich das jetzt auch wirklich hinkriege.“ „Klar kriegst du das hin. Aber jetzt solltest du besser schlafen. Melde dich, wenn du zurück bist.“ Und während Adane in Dire Dawa hoffentlich gut schläft, freue ich mich darüber, dass ihn das Glück auch diesmal nicht verlassen hat. Es zieht sich durch sein ganzes Leben: Auf größte Verzweiflung folgt ein Glücksfall. Er hat nie aufgehört, darauf zu vertrauen. Ein paar Tage später meldet er, dass in Djibouti alles bestens gelaufen ist und der Schotte ihn gerade zu seinem Helden erklärt hat. Vielleicht verhilft er Adane sogar zu einer neuen beruflichen Perspektive. Die Finger einer Hand reichen nicht, um zu zählen, der wievielte Neustart in seinem Leben es wäre. Wann die Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, weiß im Moment niemand. Der Bürgerkrieg breitet sich immer weiter aus. Inzwischen haben die westlichen Botschaften ihre Staatsbürger aufgefordert, alle noch möglichen regulären Flüge zur Ausreise zu nutzen. Man rechnet damit, dass der Krieg auch in die Hauptstadt kommt. Und ich denke daran, wie naiv ich 2018 war, als ich mich von Adane verabschiedet habe. Er sagte damals: „Hoffentlich sehe ich dich wieder.“ „Klar“, sagte ich, „spätestens in zwei Jahren komme ich und wir sprechen über das Buch, das ich über dein Leben schreibe.“ In meiner Welt schien das so einfach. Zwar hat auch hier die Sicherheit durch Corona einen Knacks bekommen. Doch in Adanes Welt ist Corona das kleinere Übel, die Unsicherheiten waren schon immer größer. Wieder einmal frage ich mich, woher er immer wieder seinen Optimismus nimmt und die Kraft, weiterzumachen und auf den nächsten Glücksfall zu vertrauen.
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